Herrn Pasturn sien Kauh

Es ist eigentlich die "heimliche" Nationalhymne von Mecklenburg, das "Lied von Herrn Pasturn sien Kauh". Auch in Neustrelitz wird sie gesungen, die heimliche Nationalhymne. Doch die Herkunft des Liedes ist umstritten. 1874 erscheint als Buch die Lebensgeschichte des Münsteraners Frans Essink, geschrieben von Frans Giese. In diesem Buch singt Frans Essink das Lied mit etlichen Strophen Studenten vor. In der dritten Auflage des Buches gesteht der Autor Frans Giese, dass ein Teil dieses Werkes von seinem Freund Hermann Landois stammt. Dieser wirkte nach seiner Promotion in Greifswald seit 1873 als Professor für Zoologie an der Universität Münster.

Doch damit wir auch gleich zur Sache kommen, hier erstmal eine Variante, wie man das Lied in Mecklenburg singt. Es ist eine Fassung aus Parchim.

Ostern wier se dick un drall,
Pingsten leeg se dot in´Stall.....

dem Herrn Pasturn sien Kauh.
Hei sing`man tau, sing man`tau,
von Herrn Pasturn sien Kauh jau, jau,
sing man`tau, sing man`tau,
von Herrn Pasturn sien Kauh!

As se würd in Stücken snäden,
hett dat ganze Dörp wat krägen.....

Un de olle Füerwehr
kriggt een Pott vull Wagensmeer.....

Un de olle Dörpkapell
kriggt een nieges Trummelfell.....

Un dat olle Kinnermäken
hett een Stück von`n Titt afbäten.....

Un de Köster Söbenlang
kriggt den Stiert as Glockenstrang.....

Meckelborg hett ook nich slapen,
nimmt den Kopp as Landeswappen.....

Un de Pastor Duwwelknopp
halt sick fix den Ossenkopp.....

Un dat olle Kinnermäken
kriggt dar Stück, wo`t Kalw in säten.....

Un de Pierdknecht Heiner Bull
kriggt een Stück von`n Stripp-Strapp-Strull.....

Un de Jung von Snieder Behm
kriggt een niegen Backentähn.....

Un de gnädig Fru von Bruhn
kriggt de vullen Kauhkaldun.....

Un de olle Inglisch-Miss
kriggt een nieges Tähngebiß.....

Un de Kauhknecht Heiner Kühl
kriggt een Stück von de Hinnerküül.....

Un de Fru von Köster Suhr
kriggt een niegen Pompadur.....

Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
hannelt nu mit Ossentungen.....

Un Nachtwächter Vadder Suhrn
blast nu up een nieges Hurn.....

Un dat Leed is man ierst halw,
in den Stall steiht noch een Kalw.....

Un dat is dat allerbest,
de Kauh, dat is een Ossen wäst.....

Das Lied erfuhr seit Ende des 19. Jahrhunderts eine rasche Verbreitung. Nachweisbar sind Strophen aus Süddeutschland und der Schweiz. Die geografisch ausgedehnte Verbreitung des Liedes kommt nicht von ungefähr. Der Inhalt ist leicht zu verallgemeinern, der Strophenaufbau ist einfach und die Melodien sind eingängig. So kann sich das Lied den Eigenarten der Gegend und auch anderen inhaltlichen Themen hervorragend anpassen. Das folgende Beispiel beschäftigt sich mit Fisch in den 70/80 er Jahren in Mecklenburg:

Kennt ji all dat niege Leed,
niege Leed, niege Leed,
dat bi uns all jeder weet,
bi uns in Meckelborg.
He, sing man tau, sing man tau
Hiring, Aal und Kabeljau,
sing man tau, sing man tau
von Aal und Kabeljau!

De Badegäst nach Ahlbeck führn,
se wolln den Aal mal kennenliern,
bi uns in Meckelborg.
He, sing man tau.....

De Fischer hemm de Netz utsmetten,
de Republik kricht wat to fretten
von uns in Meckelborg.
He, sing man tau.....

Doch Aal, den givt bloß ünnern Disch,
dat is nu mal en Wanderfisch
nich blos in Meckelborg.
He, sing man tau.....

Dafür bütt sick de Hiring an,
weil man Salat ut maken kann
bi uns in Meckelborg.
Hei, sing man tau.....

De Fischer maken glick up See
ut Kabeljau dat Fischfilet
bi uns in Meckelborg.
He, sing man tau.....

Un hewt ji denn mal Fisch tohus,
denn denkt doran, dat wier`n Gruss
von uns ut Meckelbork.
He, sing man tau.....

Doch dat Lead is nu toend,
weil sonst de Fisch in`n Pott anbrennt
bi uns in Meckelborg
He, sing man tau.....

Der eigentliche Sachverhalt des Liedes ist, ein Pastor hat eine Kuh. Die Kuh erkrankte. Da der Pastor über fette Weiden verfügte, war die Kuh ebenfalls fett. Die Kuh musste geschlachtet werden und der Pastor verteilte das Fleisch an die unbemittelten Dorfbewohner umsonst. Das war aber den Bessergestellten im Dorf nicht recht. Auch sie hätten gern was von der Kuh gehabt. Ein Schalk nun nahm das zum Anlass, die Kuh des Pastors zu verherrlichen und den Neid der Reichen anzuprangern. Aber wo das nun war, das kann historisch nicht mehr nachgewiesen werden.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das Lied fester Bestandteil von Festlichkeiten aller Art. Doch bereits seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm die Beliebtheit durch die geänderten sozialökonomischen Verhältnisse ab. Darunter litt auch die Bekanntheit. Andere Personen- und Themenkreise wurden Zielscheibe des Spottes. Auch dazu ein Beispiel. Die folgenden Strophen hat der Genossenschaftsbauer Helmut Kurzmann aus Leezen für die Arbeiterfestspiele 1974 geschrieben:

Weil Planerfüllung manchmal schwer
nimmt die Molkerei sich`s Euter her
von Herrn Pasturn sien Kauh.
Hei, sing man tau.....

Das Hotel Schwerin im Interglanz
kocht den berühmten Ochsenschwanz
von Herrn Pasturn sien Kauh.
Hei, sing man tau.....

Das "Neue Deutschland", das ist klar,
bringt dazu einen Kommentar
von Herrn Pasturn sien Kauh.
Hei, sing man tau.....

Das Fernseh`n kommt erst nächste Woch`
und sieht nur noch das Hinterloch
von Herrn Pasturn sien Kauh.
Hei, sing man tau.....

Das linke Auge, wie ich seh`,
das holt sich grade die VP
von Herrn Pasturn sien Kauh.
Hei, sing man tau.....

Wäre es nun nicht denkbar, dass sich musisch begabte Bürger mal Gegenwartsthemen vornehmen und neue Strophen für "Herrn Pastorn sien Kauh" schreiben würden?

Hier könnten sie veröffentlicht werden!

Quelle:
Ein paar hundert ausgewählte alte und neue Strophen
von Herrn Pasturn sien Kauh
VEB Hinstorff Verlag Rostock 1984


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